Stellungnahme zur Widerrufsaufforderung der Brights

Wie die Nachrichtenagentur IDEA berichtete, habe ich in einem Vortrag über den Atheismus am 1. Juli 2008 in München unter anderem die Gruppierung, die sich selbst "Die Brights" (engl. "The Brights", also die "hellen Köpfe") nennt, als Vertreter des Atheismus genannt. Ein Vertreter der "Brights" hat mir daraufhin seinen Protest zukommen lassen, der inzwischen im Internet mehrfach aufgegriffen wurde (z.B. HIER), weshalb ich nun dazu Stellung nehme.

Der Vertreter der Brights schrieb nachdrücklich, daß die Brights Naturalisten, aber nicht unbedingt Atheisten seien. Die Bezeichnung der Brights als Atheisten bezeichnete er als "Beleidigung" und schrieb:

"Ich habe Sie aufgeklärt über den Umstand, dass die Brights nicht zwangsläufig Atheisten sind und Sie haben Gelegenheit, Ihre Falschdarstellung binnen einer Woche zu widerrufen."

Dazu nehme ich wie folgt Stellung. Gerne weise ich hier darauf hin, daß die Brights sich als Naturalisten, aber nicht unbedingt als Atheisten verstehen. Ich weise aber darauf hin, daß damit die Brights ein selbstwidersprüchliches Selbstverständnis haben. Unter "Theismus" versteht man die Auffassung, daß es einen Gott gibt, wobei unter "Gott" die Auffassung verstanden wird, daß es eine Person gibt, die körperlos, allmächtig, allwissend, gut und ewig ist, den Schöpfer des Universums. Unter "Atheismus" versteht man die Auffassung, daß es keinen Gott gibt. Unter "Naturalismus" versteht man die Auffassung, daß es nichts als den Inhalt unseres Raum-Zeit-Systems gibt, d.h. daß es nur Materielles gibt. Es gibt demnach z.B. keine Geister, keine Seelen, keine nichtmaterielle "Energie", keine platonischen Ideen und keinen Gott. Dementsprechend schreiben die Brights auch auf einer ihrer Seiten: "Das Weltbild eines Bright ist frei von übernatürlichen und mystischen Elementen." Der Naturalismus ist also eine weitergehende Auffassung als der Atheismus, der Atheismus ist ein Teil des Naturalismus. Wenn die Lehre der Brights ist, daß der Naturalismus wahr sei, daß der Atheismus aber nicht zur Lehre der Brights gehöre, ist die Lehre der Brights selbstwidersprüchlich.

Die einander widersprechenden Aussagen finden sich auf den Seiten der Brights mehrmals. Zum einen wird z.B. Daniel Dennett zitiert:

"Was ist ein Bright? Ein Bright ist eine Person mit einem naturalistischen Weltbild, frei von Übernatürlichem. Wir Brights glauben nicht an Geister, Elfen oder den Osterhasen - oder an Gott."

Ähnlich steht auf der Leitseite als Erläuterung der Aussage, daß die Lehre der Brights der Naturalismus ist:

"[D]er Glaube an eine Gottheit [ist] mit einem naturalistischen Weltbild ebensowenig vereinbar, wie derjenige an Hellseherei, Astrologie und vieles mehr."
"Ziel der Brights ist es, das Verständnis und die gesellschaftliche Anerkennung des naturalistischen Weltbilds zu fördern."

Zum anderen schreiben die Brights, daß die Brights nicht unbedingt atheistisch seien, sondern z.B. auch ein Pantheist ein Bright sein könne:

"Die Gemeinschaft der Brights schließt verschiedene naturalistische Perspektiven und Kategorien mit ein. Dazu gehören auch einige Ausprägungen pantheistischen Gottesglaubens. Die Bewegung ist keine atheistische Bewegung".

Es ist richtig, daß der Atheismusbegriff manchmal nicht im weiten Sinne als die Verneinung des Theismus, sondern in einem engeren Sinne verwendet wird, so daß ein Pantheist oder ein Deist kein Atheist ist. Aber auch dieser enge Atheismusbegriff steht im Widerspruch zum Naturalismus wie ihn, wie wir gesehen haben, auch die Brights verstehen. Abgesehen davon hat der hellköpfige Atheist Arthur Schopenhauer (1788-1860) nicht zu Unrecht den Pantheismus als eine "Euphemie für Atheismus" bezeichnet:

"Ein unpersönlicher Gott ist gar kein Gott, sondern bloß ein missbrauchtes Wort, ein Unbegriff, eine contradictio in adjecto, ein Schiboleth für Philosophieprofessoren, welche, nachdem sie die Sache haben aufgeben müssen, mit dem Worte durchzuschleichen bemüht sind."

Über die Motive für die Aussage der Brights, der Naturalismus, aber nicht der Atheismus gehöre zur Lehre der Brights, kann ich nur spekulieren.

  1. Einige Äußerungen weisen darauf hin, daß einige Brights "Atheist" für ein Schimpfwort halten. Das ist nicht der Fall, was man auch daran erkennt, daß viele sich selbst als Atheisten bezeichnen.
  2. Vielleicht lehnen die Brights oder einige Brights es ab, als Atheisten bezeichnet zu werden, weil sie diesen Begriff für zu eng halten. Es ist richtig, daß er enger ist als der Naturalismusbegriff, das ändert aber nichts daran, daß der Atheismus ein Teil des Naturalismus ist und damit ein Naturalist auch ein Atheist ist.
  3. Jemand könnte sagen: "Der Atheismus besagt, daß es keinerlei Gott gibt; der Naturalismus schließt nur aus, daß es einen Wunder wirkenden, in das Naturgeschehen eingreifenden Gott gibt, nicht aber den Deismus." Doch bekennen sich die Brights selbst zu einem Weltbild, das "frei von übernatürlichen und mystischen Elementen" sei. Das ist auch mit der Annahme eines deistischen oder nicht-personalen "Gottes" unvereinbar.
  4. Eine Zuschrift wies darauf hin, daß einige Brights nicht als Atheisten bezeichnet werden wollen, weil der Theismus so lächerlich sei, "dass sie diese nicht dadurch aufwerten wollen, dass sie sich in Opposition zu ihr definieren". Wer dies meint, möge das Buch Gibt es einen Gott? des Oxforder Philosophen Richard Swinburne oder einen anderen Text über die Gottesfrage aus der zeitgenössischen wissenschaftlichen Philosophie lesen. Wer allerdings den Theismus lächerlich machen möchte ohne Argumente vorzutragen - wer also den Atheismus dogmatisch vertritt und gegen den Theismus mit nicht-rationalen Mitteln kämpft -, wird für die in Texten zu findenden Argumente nicht offen sein.

Jedenfalls ist Selbstwidersprüchlichkeit ein sicheres Zeichen von Irrationalität (was zum Anspruch, "bright" zu sein, nicht so gut paßt). Entweder Irrationalität in der Form eines Denkfehlers oder Irrationalität in der Form von Polemik oder Dogmatismus.

Daniel von Wachter
Santiago de Chile, den 15. August 2008

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