Sollte man „Verschwörungstheorien“ über das Neue Coronavirus mit Skepsis betrachten?

von Daniel von Wachter
Ostermontag 2020

In meinem Aufsatz „Eine philosophische Untersuchung des Neuen Coronavirus“ habe ich ausführlich untersucht, wie gefährlich das Neue Coronavirus ist. Doch Argumente, wie ich sie dort ausgeführe und wie etliche Naturwissenschaftler sie vorgebracht haben (siehe von-wachter.de/cov/), können nur unter bestimmten Umständen Meinungen beeinflussen. Der vorliegende Artikel will irrationale Faktoren ausräumen, damit Argumente wirken können.

In der Debatte über das Neue Coronavirus spielen die Wörter „Verschwörungstheorie“ und „Fake News“ eine wichtige Rolle, in Aussagen wie „Es sind Verschwörungstheorien über COVID-19 im Umlauf“. Selbst renommierte Wissenschaftler werden besonders in den öffentlich-rechtlichen Medien als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnet, und ihre Aussagen werden als „Fake News“ bezeichnet. So ging es z.B. Herrn Prof. Dr. Sucharit Bhakdi, einem Mikrobiologen und Infektionsepidemiologen von Weltrang, als er im März in einer Videostellungnahme darlegte, daß das NCoV nicht besonders gefährlich sei. (Transkription unter von-wachter.de/cov/bhakdi.htm.) In den öffentlich-rechtlichen Medien nehmen Kritik an Verschwörungstheoretikern und die Durchführung von „Faktenchecks“ breiten Raum ein. Regierungen und die EU bewegen Facebook und Youtube dazu, „Fake News“ zu löschen. (Vgl. Ansprache der Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, vom 31.3.2020.)

Neigen Sie dazu, dem Satz „Bei Verschwörungstheorien sollte man skeptisch sein“ zuzustimmen? Dann bitte ich Sie weiterzulesen und einen Einwand von mir zu bedenken.

Was ist denn verkehrt an Verschwörungstheorien? Sie können unwahrscheinlich sein, weil sie zu kompliziert und weithergeholt sind, weil es bei einer großen Verschwörung zu viele Mitwisser gegeben hätte, oder einfach weil die Indizien eine andere Theorie stärker stützen. Meiner Meinung nach ist z.B. die These, daß das Neue Coronavirus (NCoV) eine Biowaffe sei, eine solche unwahrscheinliche, schlecht begründete Verschwörungstheorie. Sie ist nicht deshalb unwahrscheinlich, weil sie eine Verschwörungstheorie ist, sondern u.a. weil das NCoV nicht besonders gefährlich ist.

Einige Verschwörungstheorien sind also falsch und schlecht begründet. Aber die Annahme, daß alle Verschwörungstheorien falsch seien, ist nicht zu rechtfertigen. Selbst die Annahme, daß die Eigenschaft einer Theorie oder einer Aussage, eine Verschwörungstheorie zu sein, ein Anzeichen ihrer Falschheit (also ein Falschheitskriterium) sei, ist falsch. Wie soll denn die Annahme, daß es keine Verschwörungen gibt, gerechtfertigt sein? Man kann die Annahme vertreten, daß es im Himmel oder unter Engeln keine Verschwörungen gibt, aber unter Menschen gibt es böse Handlungen, und es gibt heimliche, gemeinsame böse Handlungen. Deshalb ist es irrational die Existenz von Verschwörungen auszuschließen. Es ist ein Fehler, der einen bei der Wahrheitssuche behindert.

Einige Verschwörungstheorien werden wahrscheinlich wahr sein, und wer annimmt, daß alle Verschwörungstheorien falsch sind, wird nie Verschwörungen entdecken. So wie jemand, der annimmt, daß Frauen keine Morde verüben, nie die Morde aufklären wird, die von Frauen verübt wurden. Wer annimmt, alle Verschwörungstheorien seien falsch, läuft mit einer gefärbten Brille durchs Leben, wegen der er alle Verschwörungen übersieht.

Bisher habe ich hier angenommen, daß eine „Verschwörungstheorie“ in etwa eine Aussage ist, die eine von mehreren Menschen gemeinsam, heimlich verübte böse Handlung behauptet. Doch das enspricht nicht ganz dem Sprachgebrauch, denn dann wäre jede These, daß ein bestimmter Mord oder ein bestimmter Diebstahl von mehreren Tätern verübt wurde, eine Verschwörungstheorie. Was versteht man dann unter einer Verschwörungstheorie? Derzeit wird selbst die These, daß das NCoV nicht besonders gefährlich sei, als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet (z.B. welt.de, 19.3.2020). Tatsächlich ist den als „Verschwörungstheorie“ bezeichneten Auffassungen gemeinsam, daß sie der Darstellung der Regierung und der Behörden, also den „offiziellen Aussagen“ widersprechen. Ähnlich ist es mit der Bezeichnung „Fake News“. Sie wurde zwar ursprünglich gegen Donald Trump verwendet, als dieser noch nicht Präsident war, aber heute wird sie auf Aussagen angwandt, welche der Regierung oder der herrschenden Meinung widersprechen.

Daher stellt sich die Frage, ob Regierungen und Behörden in der Regel so verläßliche Quellen von Wahrheit sind, daß man sich auf sie verlassen sollte und abweichenden Meinungen gegenüber skeptisch sein sollte. Der Glaube, daß die Behörden „seriöse“ Quellen seien, irgendwelche Blogger oder Youtuber hingegen nicht, sitzt bei vielen Menschen tief. (Von ihnen gibt es interessanterweise in den alten Bundesländern Deutschlands mehr als in den neuen.) Bei anderen Menschen sitzt hingegen die Skepsis gegenüber dem Staat tief. Hier muß sich jeder selbst seine Meinung bilden, indem er die vergangenen Handlungen und Äußerungen der betreffenden Regierung oder auch staatlicher Institutionen überhaupt prüft. Aber so oder so läßt sich der rationale Mensch vor allem von den Indizien im Einzelfall leiten. Er läßt sich nicht dadurch beeinflussen, daß die eine Meinung als „offiziell“ und „seriös“, die andere hingegen als „unseriös“ und „Fake News“ bezeichnet wird. Er läßt sich z.B. nicht durch folgende Aussage der Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Ansprache vom 18.3.2020 beeinflussen:

„Glauben Sie keinen Gerüchten, sondern nur den offiziellen Mitteilungen, die wir immer auch in viele Sprachen übersetzen lassen.“ (Ansprache vom 18.3.2020, bundesregierung.de)

Menschen, die annehmen, daß Verschwörungstheorien falsch sind und daß Regierung und Behörden verläßliche Quellen von Wahrheit sind, haben falsche Vorstellungen davon, wie man richtig herausfindet, ob eine Theorie wahr ist. Wie beurteilt man Verschwörungstheorien richtig? So wie jede andere Theorie auch: Um zu prüfen, ob der Banküberfall von x, y und z verübt wurde, muß man möglichst viele Indizien suchen, selber Beobachtungen anstellen und mögliche Zeugen befragen – und dann alle diese Daten richtig „kombinieren“, d.h. auswerten. Um jemanden rational davon zu überzeugen, daß der Banküberfall von x, y und z verübt wurde, muß man die These begründen, man muß Argumente dafür geben und die stärksten Gegenargumente entkräften. Ein Argument für eine These verweist auf Indizien, Wahrnehmungen oder Zeugenberichte und legt dar, daß diese die These „stützen“. Da geht es nicht um deduktives Ableiten wie in der Mathematik, sondern um das Abwägen von Indizien und damit um Wahrscheinlichkeiten. Oft muß man dafür überlegen, wie etwas am besten zu erklären ist. Ist das zerbrochene Fenster dadurch zu erklären, daß y es bei der Flucht eingeschlagen hat, oder wurde es von jemandem eingeschlagen, um eine falsche Fährte zu legen? So muß man es bei jeder Theorie und auch bei einer Verschwörungstheorie machen.

Wer der zitierten Aufforderung der Bundeskanzlerin folgt, hat keine Chance, die Wahrheit über das NCoV herauszufinden, wenn die Bundesregierung nicht die Wahrheit sagt. Er verschließt sich den Indizien und folgt statt dessen einer Autorität. Er befindet sich in einer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Der rationale Mensch befolgt nicht die genannte Aufforderung der Bundeskanzlerin, sondern prüft die „offziellen Mitteilungen“ anhand der Indizien und bildet sich seine Meinung, indem er eine Vielzahl von Quellen und Meinungen ansieht. Er läßt sich nur von Argumenten beeinflussen, die er wirklich versteht, d.h. bei denen er das genannte Indiz sieht und spürt, wie es die These stützt. Von einem Argument, das man nicht versteht, sollte man sich nicht beeinflussen lassen. Auch nicht, wenn es von einem Professor oder durch „seriöse“ Medien oder Institutionen vorgetragen wird. Ein weniger intelligenter oder gebildeter Mensch kann zwar vielen Argumenten nicht folgen, aber wenn er sich bemüht und seinen gesunden Menschenverstand pflegt, hat er, auch wenn er viele Argumente nicht versteht, bessere Chancen auf Wahrheit, als wenn er sich von Argumenten oder Pseudoargumenten beeinflussen läßt, die er nicht versteht.

Sehen wir uns nochmal an, wie das Wort „Verschwörungstheorie“ funktioniert. In einem rationalen Sachtext, sei es ein wissenschaftlicher oder ein von einem Laien verfaßter Text, legt der Autor dem Leser eine These vor und sagt: „Von dieser These will ich dich, geschätzter Leser, nun mit einigen Argumenten überzeugen.“ Der Autor eines Verschwörungstheoriebekämpfungstextes hingegen stellt sich auf eine höhere Warte. Er stellt seine Meinung als selbstverständlich hin und kanzelt die Vertreter anderer Meinungen ab. Er stellt sich als direkte Quelle der Wahrheit hin, die über das Diskutieren erhaben ist. Er impliziert: „Da gibt es nichts zu diskutieren. Wer diese Theorien nicht für offensichtlich falsch hält, ist dumm.“ Das Vortragen von Argumenten stört dabei nur, denn durch sie kommt der Zuhörer ins Nachdenken, statt die Meinung des Autors als selbstverständlich anzunehmen. Deshalb sind Verschwörungstheoriebekämpfungstexte häufig vollständig argumentfrei. (Beispiele: deutschlandfunkkultur.de, deutschlandfunkkultur.de, tagesschau.de, tagesschau.de, Bundeszentrale für politische Bildung bpb.de. )

Die Annahme, daß Verschwörungstheorien falsch oder irgendwie „pfui“ sind, ist ein gravierendes Erkenntnishindernis, denn durch sie wird ein Mensch empfänglich für irrationale Beeinflussung und hält sich dabei auch noch für klug und rational. Daher bitte ich Sie zu prüfen, ob der Verschwörungstheorievorwurf auf Sie eine Wirkung hat. Prüfen Sie, was Sie in sich spüren, wenn Sie Aussagen wie „Das ist eine Verschwörungstheorie“ hören. Wenn Sie das gegen die betreffende Aussage neigen läßt, dann gehen Sie einem irrationalen Einfluß auf den Leim.

Um die Wahrheit zu suchen und sich irrationalen Einflüssen zu entziehen, braucht der Mensch Willensstärke. Man kann sich von irrationalen Einflüssen befreien, indem man sich bemüht, Aussagen zu hinterfragen und sich nur durch Argumente, also insbesondere durch Indizien und Wahrnehmungen beeinflussen zu lassen. Wenn eine Theorie als „Verschwörungstheorie“ bezeichnet wird, prüfen Sie genau, welche Argumente der Autor vorbringt. Welche Indizien oder welche Zeugenaussagen nennt der Autor? Oder macht er nur Stimmung und Propaganda? Was sagt der Autor, was wirklich für die Wahrheit seiner Auffassung und gegen die Wahrheit der vom Autor bekämpften Auffassung spricht?

Damit habe ich freilich noch nichts darüber gesagt, welche Meinung über das NCoV oder über ein anderes Thema die richtige ist. Meine Absicht mit dem Gesagten war nur, den Leser zu bitten, die Wirkung der Bezeichungen „Verschwörungstheorie“ und „Fake News“ in sich auszuschalten, damit Argumente wirken können. Eine These über die Gefährlichkeit des NCoV habe ich in meinem Aufsatz „Eine philosophische Untersuchung des Neuen Coronavirus“ vorgelegt und begründet. Eine kürzere Fassung wird demnächst auf von-wachter.de/cov/ erscheinen.